Leider gibt es in diesem Beitrag wenig Fotos.

Warum? Das wird in einem späteren Beitrag erklärt, bzw. aufgeklärt.

 

Patrizia

 

03Patrizia geht es schon wieder besserIch betrete in der Dämmerung die Uferpromenade des kleinen Städtchens Kribi in Kamerun. Plötzlich stoppt ein Mopped ein Stück entfernt von mir. Zwei Mädchen steigen ab und kommen lächelnd auf mich zu. Ob ich mich auskenne wollen sie wissen. Sie bieten an, mich etwas rumzuführen. Etwas misstrauisch nehme ich das Angebot an. Sie nehmen mich vertrauensselig in ihre Mitte und wir schlendern ins Zentrum. In einer einladenden Bar lassen wir uns nieder und ich bekomme gleich ein Getränk spendiert. Das Misstrauen schwindet, das Gespräch wird offener. Beauté arbeitet als Köchin in einem Hotel in der Hauptstadt Kameruns, Yaunde. Sie ist 24 und momentan zu Besuch bei ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Patrizia. Patrizia besucht mit ihren 18 Jahren das Gymnasium. Sie hat 2016 ihre Abschlussprüfung vor sich und möchte anschliessend Jura studieren. In ihrer Klasse ist sie eine der Besten.

Nach der ersten Runde wechseln wir den Standort und gehen tanzen. Bis Mitternacht sind wir unterwegs in den Clubs und Gassen Kribis. Traurig, dass ich morgen schon wieder fahren möchte, lädt mich Beauté ein, noch ein paar Tage bei ihnen zu wohnen. Sie holt mich am nächsten Morgen vom Hotel ab. Von der Hauptstraße Kribis biegen wir in der Nähe des Zentrums in einen der kleinen Trampelpfade ein, die fast zu eng für meine Lenkerbreite sind.

Etwas versteckt liegt hier in einem typischen afrikanischen Kleinstadtviertel die Wohnung der Familie. Der Müll direkt hinter dem Haus, ein Abwassergraben in der Mitte des Pfades, den viele hier barfuß laufen und rauchende Holzkohle-Feuerstellen. Die Wohnung, bestehend aus großem Wohnzimmer, Küche/Kinderzimmer, Schlafzimmer und externer Toilette/Dusche, ist mit ca. 70qm verhältnismäßig geräumig für die achtköpfige Familie. Der Lärm der Nachbarn, das Lachen der spielenden Kinder, die allgegenwärtige Musik und das allzeit gute Wetter ergeben eine angenehme Atmosphäre.

Die Familie besteht aus 3 kleinen Kindern und einem verstoßenen Nachbarskind mit Behinderung, dem 19- jährigen Nelson, Patrizia, Beauté und der Mama. Der Ehemann hat schon lange eine jüngere Frau und sendet hin und wieder Geld zur Unterstützung.. Für Patrizia und Nelson ist die Schule nicht weit. Da allerdings "Jugendtage" sind, haben beide ein langes Wochenende und ich sehe die Schule leider nur von außen.

In den vielen Gesprächen muss ich feststellen, dass das Schulsystem dem unseren zwar vom zeitlichen Ablauf und vom Lehrplan her ähnelt, jedoch die Anzahl der wirklich vermittelten und verstandenen Themen sehr gering ist. Nelson und Patrizia lernen schnell was ich ihnen beibringe und machen einen intelligenten Eindruck auf mich. Beide haben 5 Jahre Deutsch in der Schule gelernt und können mich gerade so in meiner Muttersprache begrüßen. Ein Gespräch ist unmöglich. Die Mathe- und Geografiekenntnisse fallen ähnlich aus. Das Bildungssystem, sowie das Gesundheitssystem sind schlecht entwickelt. Fortschritt in diesem Teil der Welt geht nur sehr schleppend voran. Man hört von allen Seiten man könne nichts ausrichten, es sei Gott, der die Zukunft entscheidet. Er gebe einem nur den heutigen Tag zum Leben.

Ich werde von allen herzlich willkommen geheissen. Es wird für den Gast gekocht, geputzt und alle bis auf Patrizia und Beauté schlafen im Wohnzimmer, damit die Privatsphäre und die Bewegungsfreiheit zumindest etwas gegeben sind. Im Gegenzug gebe ich Wissen weiter und versuche zu helfen, wo es mir möglich ist. Um dem passiven Lebensstil entgegenzuwirken, laufe ich mit den Mädels täglich zum Meer um zu schwimmen. Nach dem dritten, nur aus Fett und Kohlenhydraten bestehenden, Essen begebe ich mich selbst auf den Markt. Es wird viel Gemüse und Obst eingekauft. Ich nehme mit Patrizias Unterstützung den Kochlöffel selbst in die Hand. Obstsalat, griechischer Salat, Chickensalat, Chili con Carne, Fisch mit Gemüsefüllung und Gemüsesuppe sind Patrizia und Beauté völlig neu. Von einem Mann kochen zu lernen ebenso.

Nachts wache ich von Würgegeräuschen auf. Ich finde Patrizia auf den Eingangsstufen mit einem Eimer vor sich. Sie möchte nicht über die Ursachen ihrer plötzlichen Erkrankung sprechen. Nach langer Diskussion erzählt sie mir, sie habe diese Symptome seit 3 Monaten in unregelmäßigen Abständen. Sie lässt sich zu einer Vomex und einem Schmerzmittel gegen die Magenkrämpfe überreden und schläft nach kurzer Zeit wieder ein. Am nächsten Tag hat sie keinen Appetit und auch ihr strahlendes Lächeln hat sie plötzlich verloren. Zum Arzt wolle sie nicht gehen und Geld für die Konsultation sei ohnehin keines übrig. Ihre Mutter meint, Gott werde sich ihrer schon annehmen bevor es schlimmer wird. Da mir Gott hier in Afrika allerdings immer etwas zu lange braucht, entscheide ich es selbst zu tun.

Etwas Überzeugungsarbeit ist nötig, bevor wir schliesslich auf einem Mototaxi ins Krankenhaus unterwegs sind. Wir sprechen mit einer jungen Ärztin, die die Empfehlungen für die nötigen Untersuchungen ausspricht. Vom Budget des Patienten hängt es dann ab, was er untersuchen lassen kann. Die meisten Patienten kaufen hier lediglich Antibiotika und schmeißen es auf gut Glück ein, weil sie sich die Untersuchungen im Krankenhaus nicht leisten können. Nach einem halben Tag im Krankenhaus erklärt uns der Chefarzt, es handle sich hier um eine typische Krankheit für Mädchen ihres Alters, eine vaginale Infektion. Man erzählt sich in den ärmeren Vierteln hier komme dies von den unhygienischen Toiletten. Das ist die Version, die von den Heilern und anderen findigen älteren Männern verbreitet wird. Nach dem Gespräch nehme ich den Oberarzt nochmal zur Seite und frage ihn,was der wirkliche Grund für ihre Erkrankung ist. Meine Vermutung wird bestätigt. Es handelt sich hierbei um eine durch ungeschützten Sex verbreitete Geschlechtskrankheit.

Neben den Medikamenten wird in der Apotheke auch gleich noch eine Packung Kondome mitgenommen. Häufig haben die jungen Mädchen hier keine Ahnung von AIDS und anderen Geschlechtskrankheiten und die meist wesentlich älteren Jungs, mit denen sie eine Beziehung eingehen ,scheint es nicht zu interessieren ,sofern die Mädchen noch Jungfrauen sind. Dann kann man sich ja auch nichts einfangen. Das ich hier die Aufklärungsarbeit übernehmen muss, die eigentlich schon ab dem 12. Lebensjahr in der Schule erfolgen sollte, ist traurig. Solche Themen werden hier systematisch tabuisiert.

Patrizias Zustand bessert sich schnell. Die Kosten für die Behandlung sind geringer als die Visakosten für Kamerun, doch entsprechen sie mindestens dem halben Monatslohn der Mutter. Da hier keine Rücklagen gebildet werden, würde es bedeuten,dass die Familie einen halben Monat lang nur von Reis leben müsste. Dies würde zu weiteren Erkrankungen führen...

Am Sonntag, meinem letzten Tag in Kribi, lädt sie mich mit ihrem alten Lächeln ein, mit ihr in die Kirche zu gehen. Da kann man nicht widerstehen. Ich bin gespannt was mich im Gottesdienst erwartet. Etwa 100 Personen finden sich unter einem Blechdach mit Musikanlage, Band und Chor ein.Begonnen wird mit lauter fröhlicher Gospelmusik, Tanz und Gesang.Man wird vom Pastor und der Gemeinde per Handschlag willkommen geheissen. Es werden Einzelne nach vorne gebeten, um zu erzählen wo ihnen Gott in der letzten Woche begegnet ist. Es sind schöne und traurige Geschichten dabei. Dann beginnt die Predigt, in welcher der Pastor die Gemeindemitglieder ermutigt, Geld nicht zu sparen sondern Bedürftigen zu geben. Beiläufig erwähnt er, dass er noch Unterstützung für seine kommende Hochzeit braucht. Er scheint sehr bedürftig zu sein mit der goldenen Uhr an seinem Handgelenk, seinem mit Sicherheit aus Frankreich importierten Anzug, den Rindlederschuhen, vorgefahren in einem Geländewagen der besseren Klasse. Nach der Predigt wird zur Kollekte aufgerufen.

Mit 34 Jahren heiratet der Priester bereits zum zweiten Mal. Wer seine zukünftige Frau noch nicht kennt, darf sich ihr nun vorstellen. Ich gehe nach vorne und schüttele einem 17- jährigen Mädchen die Hand. Es dauert ein wenig bis ich begreife, dass das ernst gemeint ist. Während nun das Gemeinschaftsgebet beginnt, nehme ich Patrizia an die Hand und verlasse die Kirche. Ich kann den Worten dieses Heuchlers nicht mehr guten Gewissens lauschen. Wegen solcher "Vorbilder" gilt es in weiten Teilen der Bevölkerung als normal junge Mädchen auszunutzen. Patrizia hat weniger für die Kirche übrig als der Rest ihrer Familie, bekommt von ihrer Schwester aber später noch eine Standpauke für das Verlassen der Kirche.

Am Nachmittag geht es noch ein letztes Mal ans Meer zum Schwimmen. Unserer Patientin geht es schon viel besser. Die Dankbarkeit für die selbstverständliche Hilfe ist unglaublich. Beauté und Patrizia wollen mich beim Abschied gar nicht mehr loslassen. Die Mutter erklärt mir Gott hätte mich geschickt um ihre Tochter zu retten. Es macht mich traurig, dass sie das so sieht. Was wäre wohl passiert, wenn ich die Hauptstraße vor 5 Tagen eine Minute später betreten hätte. Patrizia hätte das Schicksal von vielen jungen Mädchen hier geteilt und eine einfache Infektion hätte mehr und mehr ihr Leben bestimmt. Gott hätte ihr nicht helfen können.

02Meine beiden netten Gastgeberinnen Patrizia und Beaute